5 Fragen an Anna Sykora, Meisterin der Drehscheibe

Seit 29 Jahren führt Anna Sykora ihr Atelier für frei gedrehtes Porzellan in der Fichtestraße in Kreuzberg. 2014 nahm sie an der Sonderschau „Meister der Moderne“ in München teil. 2016 erhielt sie den Bayrischen Staatspreis für besondere gestalterische Leistungen. Es ist der wichtigste Preis für Kunsthandwerk in Deutschland.

Wenn ich eine Liste mit meinen Lieblingsläden in Kreuzberg schreiben sollte: Anna Sykora würde weit oben stehen. Die Schalen, Becher, Tassen und Vasen der Berliner Porzellanmeisterin sind zeitlos schön, und die fein angeraute Oberfläche gibt mir jedes Mal einen Kick, wenn ich einen ihrer Becher in der Hand halte. Ein Gefühl wie Pfirsichhaut ... Die Gefäße sind allesamt zarte Geschöpfe. Lichtdurchlässig, filigran und zugleich handfest. Dass die Materialstärke nach oben hin dünner wird, ist optisch gelungen und erhöht den Genuss, weil du beim Trinken nur einen Hauch von Porzellan im Mund hast.

In jedem Stück steckt meisterliches Können, das – logisch – seinen Preis hat. Den bezahle ich gern. Schließlich erwerbe ich bei Anna Sykora ein von Hand gedrehtes Einzelstück und kein Industriegeschirr von IKEA.

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Ich habe die Keramikmeisterin in ihrer Werkstatt besucht und ihr einige Fragen gestellt:

Anna Sykora, Ihre Formen sind ausgesprochen schön und klar. Sie muten fast asiatisch an. Was hat Ihre Formsprache beeinflusst?

Ich gehöre nicht zu denen, die am Tisch entwerfen. Ich fange an zu drehen und suche mir dann das schönste Stück aus. Schlichte Formen gefielen mir schon immer gut. In den Anfängen meiner Selbstständigkeit – das war 1992 – war es das 50er-Jahre-Porzellan, das mich inspirierte, ebenso wie die Arbeiten von Kolleg*innen wie Stefanie Hering (heute: Hering Berlin). Sie hat schon damals Porzellan frei gedreht. Das ist die hohe Kunst, denn normalerweise wird Porzellan gegossen. Außen matt, innen glasiert – auch hier war Stefanie Hering Vorreiterin und Vorbild.

Ihre Farben sind einmalig! Wie und wann haben Sie zu Ihrer eigenen Handschrift gefunden?

An schönen Farben kann ich mich nicht sattsehen! Hinter jedem meiner Farbtöne steht eine gefärbte, feine Tonschicht, die im Ofen schmilzt und den Gefäßen ihre wunderschönen Farben gibt. Das Rezept ist geheim, ich habe es bereits in der Fachhochschule für Keramikgestaltung unter vielen Tränen und Rückschlägen entwickelt. Heute freue ich mich darüber, denn es sind die Farben, die meine Arbeiten einzigartig machen.

Einmal habe ich Sie zufällig an der Drehscheibe angetroffen. Mit einigen wenigen gezielten Bewegungen entstanden aus kleinen Klumpen Rohmasse formschöne weißer Becher. Das ging ruckzuck. Warum haben Sie sich für Porzellan als Werkstoff entschieden?

Meine ersten Sachen waren aus Ton. Leider liefen sie nicht gut. Also kaufte ich mir einen Batzen Porzellan und fertigte alle Gefäße, die ich vorher in Ton gemacht habe, ein zweites Mal in Porzellan. Als sich diese Sachen auf einer Messe so viel besser verkauften als die aus Ton, war die Entscheidung gefallen.

Was heute wie ein Kinderspiel aussieht, ist das Ergebnis eines langen Prozesses. Porzellan ist ein störrisches Material, das sich auf der Töpferscheibe nur schwer bändigen lässt. Das lag vor allem an der Porzellansorte, die ich in meiner Anfangszeit benutzte. Es drehte sich wie blöde, so dass anfänglich alles ein einziger großer Krampf war. Sobald ich Fortschritte gemacht habe, wurde es besser. Heute ist das Grundmaterial viel geschmeidiger im Produktionsprozess. Das englische Porzellan, das ich verwende, lässt sich leichter drehen und es hat auch eine sehr schöne Farbe. Außerdem muss man es nicht so wahnsinnig hoch brennen und es ist immer noch lichtdurchlässig.

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Warum haben Sie sich damals für das Handwerk entschieden?

Als Tochter eines oppositionellen Pfarrers in der DDR konnte ich kein Abitur machen. Töpferin war Ende der 70er Jahre ein Modeberuf, der auch finanziell eine Perspektive bot. Eine Lehrstelle zu finden war schwer ohne Vitamin B. Also machte ich erstmal eine fachähnliche Lehre in einem keramischen Industriebetrieb, bevor ich eine Ausbildung in einer traditionellen Töpferei auf dem Land nachschieben konnte.

Mir gefiel diese Latzhosenromantik in der alten Werkstatt: Wir haben alles selbst gemacht, ja, wir mussten sogar den Ton selbst aufbereiten, bevor wir ihn drehen konnten ... Er kam feucht aus der Grube und wurde auf dem Hof ausgeschüttet. In der Badewanne haben wir ihn gereinigt und von Pflanzen und Steinen befreit.

Mit 23 Jahren bin ich nach West-Berlin gegangen – der Liebe wegen. Das war 1986, vor der Wende. Von dort aus ging es in den Westerwald an die Fachhochschule für Keramikgestaltung. Als ich nach drei Jahren zurück nach Berlin kam, habe ich mich mit 29 Jahren mit einer Freundin in Weißensee selbstständig gemacht. In dieser Werkstatt in der Fichtestraße bin ich seit 2002.

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Wie haben Sie es geschafft, sich als One-Woman-Show so lange am Markt zu behaupten? Das Geschäft mit Porzellan ist ja kein Zuckerschlecken ...

Der Spagat ist groß zwischen dem, was interessant ist, und dem, was sich gut verkaufen lässt. Auszeichnungen wie der Hessische (2004) oder der Bayrische Staatspreis (2016) haben mich enorm gepusht. Auch Messen, wie die Ambiente in Frankfurt oder die Zeughausmesse für Angewandte Kunst ins Berlin, sind immer wieder wichtig, um Kontakte zu knüpfen und Händler zu treffen. In diesem Jahr war ich erstmals auf dem Töpfermarkt in Diessen/Bayern. Der liegt direkt am Ammersee und ist ein toller Markt für Endverbraucher mit einer wunderbaren Atmosphäre!

Wenn auch du Anna Sykora live erleben willst, besuch sie in ihrem Kreuzberger Atelier, auf der Zeughausmesse für Angewandte Kunst vom 5.-8. Dezember oder 2020 rund Himmelfahrt auf dem Diessener Töpfermarkt am Ammersee.

Anna Sykora
Fichtestraße 1a
10967 Berlin
anna-sykora.de

 

Text - Claudia Hoffmann
Fotos - Lotte Ostermann

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